… And All That I Can See Is Just the Yellow Lemonfish..

Rotwein, Kerzenschein, Scheibenkäse zum Frühstück. Und das große Frieren. Ein kurzer Abstecher nach Deutschland? I wonder how, I wonder why? Nein. In dicke Decken eingemummelt sitzen wir bei H. zwischen Holzskulpturen und kakteenählichen Gewächsen auf der Veranda und blicken zurück – auf sechs Monate Freiwilligendiest- und nach vorne – auf den Endspurt und das Ankommen in Deutschland. Unsere Vereinsvorsitzenden, Lena und Christian, sind angereist, um uns auch vor Ort zu begleiten und organsieren ein Zwischenseminar. In der Lemonfish Art Gallery. Ruhig, auf einem Hügel überm Meer gelegen, voller Teppiche, Lämpchen, bunter Bilder, Stoffe und Töpferware, lädt sie ein zum Träumen und Fallenlassen. In Kartong, der letzten Ortschaft vor der südlichen Grenze zum Senegal. Keine halbe Stunde entfernt von Gunjur. Und doch Gefühlsmeilen entfernt von unserem alltäglichen gambischen Leben. Obwohl doch genau das Thema ist. Wie positioniere ich mich zu meiner Arbeitsstelle, zu Benna Kunda, meinem Umfeld, wie erging und ergeht es mir eigentlich über die Monate in verschiedenen Zusammenhängen? Höhepunkte und Schwierigkeiten. Ich höre zu und nicke, während Franzi, Max und Mona berichten. Will stellenweise gar ergänzen. Ihre Herausforderungen erscheinen mir manchmal wie die meinen, so eng sind wir über dieses halbe Jahr zusammen gewachsen. Und momentan können sie mich wahrscheinlich besser einschätzen als engste Kindheitsfreunde.

Kurvendiagramme meine Gefühlslagen betreffend. Hilfe. Ich bräuchte doch eine Tages-, Stunden-, Minutenskala meiner pubertär anmutenden Emotionsachterbahnfahrten entsprechend. Wie lässt sich das in Monaten beschreiben?

Themen, die beschäftigen. Essen und Gesundheit nehmen einen hohen Stellenwert ein. Nach Monaten in einem völlig anderen Umfeld sind unsere Körper strapaziert. Bei dem Klima schlecht schließende Wunden, die auf Sandwegen leichter verdrecken, Magenprobleme, Gewichtsverlust, Einseitigkeit in der Ernährung. Es ist gut, auch über diese weniger schönen Dinge zu sprechen und Ideen zu einer Verbesserung zu sammeln. Ein so langer Aufenthalt im Ausland verlangt einem eine ganz andere Achtsamkeit für sich selbst ab, wird mir immer klarer. Anregungen von Lena und Christian motivieren. Wir haben Lust auf Benna wieder mehr besondere Gerichte zu kochen.

Weitere Herausforderungen? Kulturell bedingte Kommunikationsschwierigkeiten, Konformität, Vorurteile gegenüber Europäern, das Zurechtkommen mit eigener, als unfair empfundener Privilegiertheit, unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, der Umgang mit der oft als unangenehm empfundenen Aufmerksamkeit von Männern gegenüber weißen Frauen, schwierige Debatten über Finanzen in einem so armen Land und und und..

Dann sind bunte Zettelchen im Umlauf. Es geht um Volnet, das Thema, welches uns am Allerwichtigsten ist. Tausend Fragen an Vergangenheit und Zukunft unseres Vereins. Wir sind aufgefordert, Visionen zu formulieren. Wenn ihr auf einmal, oh Wunder, 2000 Euro bekämet, welches ihr in Gambia einsetzen dürft, wie würdet ihr es nutzen? Unsere Gedanken wenden sich sofort Benna Kunda zu. Das Vereinsgrundstück ist uns allen Herzensangelegenheit. Benna – noch mehr als bisher schon – als ein Ort des Zusammenkommens, und sich Selbst-ausprobierens, wo man Sport betreiben, gärtnern, holzwerken, basteln, lernen, spielen können soll, wo es ein ständiges ausgebautes Bildungs- und Freizeitangebot für die Menschen der Umgebung geben soll. Hundert Ideen: einen Spielplatz und weitere Sportanlagen schaffen, kleine Kreativwerkstätte bauen, Strom installieren und auf einem Beamer Filme präsentieren, Referenten einladen, einen festen Sozialarbeiter für Projekte und Grundstückpflege engagieren. Es gibt kein Halten mehr.

Zunächst viel Raum für unsere Ideen und Herausforderungen. Aber was macht denn eigentlich auch uns herausfordernd? Wie werden wir als Freiwillige von Menschen vor Ort wahrgenommen? Zum zweiten Mal sehe ich nun „Blickwechsel“, den Film, den Christian und Ferdinand im letzten Jahr gedreht haben und der grade Abstand nehmen will von dem sonst so üblichen Trend bloß Freiwillige zu ihren Auslandslerndiensten zu befragen. Viele, sehr unterschiedliche Blicke auf Freiwillige, ihr Kommen und Gehen in Projektstellen und Gastfamilien in Südafrika, Ghana und bei uns in Gunjur werden gezeigt. Nach der Vorführung sind wir erstmal ziemlich still und nachdenklich. Die Berichterstattung ist überhaupt nicht einseitig. Von euphorischen Rückmeldungen bishin zu eher kritischen, skeptischen Haltungen und Anfragen. Trotzdem hat sich diesmal vor allem ein Gefühl von Traurigkeit bei mir eingestellt. Ich frage mich, warum. Ich glaube fast, das macht die Kameraperspektive. Freiwillige kommen nicht zu Wort, aber es wird gezeigt, wie sie sich in ihren afrikanischen Umfeldern bewegen. Sie sind sehr auffällig, wirken irgendwie verloren, fremd, unbeholfen. Genauso würden wir auch aussehen, wenn man uns bei unserem Rundgang durchs Dorf filmen würde. Ist das alles, was wir sind, was ich bin – solche Fremdkörper? Vor allem die Leute, die schon mit vielen Freiwilligen Umgang hatten, wirken sehr abgeklärt. Man gewöhnt sich daran, alle paar Monate wieder neue Weiße zu haben. Und was bleibt da schon? Selbst wenn ich 20 Jahre in Gambia verbringen und perfekt Mandinka, Wolof whatever sprechen würde, ich würde nie wirklich dazugehören können, wohl immer viel Aufmerksamkeit bekommen, Fremdkörper bleiben? Viele Weiße, die seit langer Zeit hier leben, strahlen – vielleicht grade deshalb – Verbitterung aus. Und was bleibt? Unser Wirken ist vermutlich nicht als sonderlich nachhaltig zu bezeichnen. Und persönlich? Wird man dann zum Freiwilligen Nr. X, Jahrgang Y? Und warum ist man eitel und einem die eigene Vergänglichkeit und das Vergessen-Werden so wichtig? Ach, dieser Blick ist auch schon wieder viel zu beengt und trostlos. Menschen kommen und gehen, aber Begegnung – das ist doch so viel wert. Oder nicht?

Eine weitere Einheit beschäftigt sich mit dem Ankommen in Deutschland. Da fange ich schon jetzt an zu bibbern. Diese und jene Welt sind so unterschiedlich. Und überall gibt es Barrieren der Kommunikation über und der Imagination von der jeweils anderen Wirklichkeit. Verständis bei Anderen und sich selbst zu kriegen, mit verschiedenen Tempi, Themen und Problemen, mit den eigenen Ambivalenzen im Bewerten hier und dort zurechtzukommen, für sich selbst einen Umgang mit Gambia, sei es im Extremen durch Abschnitt vom oder mit der Integration in das deutsche Leben, zu finden: das Alles stelle ich mir unglaublich herausfordernd vor.

Mit rauchenden Köpfen hängen wir Freiwilligen nach drei Tagen des Reflektierens und Visionierens erschlafft in unseren Sesseln. Zum Glück bringt H. uns ganz mütterlich Kaffee, Christian versorgt uns regelmäßig mit sehr künstlich schmeckenden Bananenkeksen und hat mit Lena entschieden, dass wir vier Volneteers noch einen Tag länger auf bequemen Bambusbetten im Lemonfish schlafen dürfen. Am Abend gibt es noch senegalesisches Arthouse Kino und in der Nacht starte ich einen Trip zum Flughafen, um meinen besten Freund aus Deutschland in Empfang zu nehmen. Weltenkreuzungen.

I try to change my point of view. I’m hanging around, I’m waiting for you. But nothing ever happens .. and I wonder.

 

Ein Gedanke zu “… And All That I Can See Is Just the Yellow Lemonfish..

  1. dorothea damrath schreibt:

    Bin sehr angetan von diesem nachdenklichen ausführlichen Bericht.Er hilft mir,noch mehr Einblick in Euer so völlig anderes Leben zu bekommen. DANKE!! Doro

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