Probier’s mal mit Gemütlichkeit?!

Junge, lächelnde Männer, die in gemütlicher Runde beieinander sitzen, Ataya-Tee brühen und Reagge lauschen. Eine Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlen wie sie in Deutschland nur schwer zu finden sind. Niemand drängt den Teekocher zur Eile, der kunstfertig die Brühe von einem ins andere Glässchen umfüllt, wobei er seine Arme erst langsam und dann immer schneller in die Höhe reißt – wie ein Marionettenspieler. Selbst ich habe es gelernt entspannt dabeizusitzen, keinen Blick mehr auf die Uhr zu werfen, vor mich hinzuwippen, hin und wieder eine Bemerkung über die Güte des Tees, mein Leben in Gambia und die Hitze der Sonne einzustreuen und mir selbst zu verzeihen, dass ich in diesem Moment kein neues Projekt für die Schule austüftele.
Eigentlich ein harmonisches Bild. Kein Zank, keine Rauferei, kein krankmachender Stress und Leistungsdruck, wie ich ihn in Deutschland immer wieder kritisiere, sondern wirkliches Einlassen auf den Moment, ein friedliches Beisammensein unter Freunden, Brüdern und Schwestern.

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Weiß auch Dr. Nick, der anlässlich eines Treffens der Tarudgesellschaft, Teil der meine Schule ist, eine Rede über die neue Fahrrichtung seiner Freiwilligenorganisation Marlborough Link und sämtlicher sozial ausgerichteter Organisationen im Raum Gunjur gehalten hat. Seit Jahrzehnten ein regelmäßiger und aufmerksamer Gast in Gunjur, hat er viele Veränderungen miterlebt und weist eindringlich auf die beunruhigenden Entwicklungen jüngster Zeit hin. Die steigende Arbeits- und Perspektivlosigkeit junger Männer. Junge Männer voller Energie und Tatendrang, voller Witz und Scharfsinn, die ihren Lebensalltag damit fristen an Straßenecken herumzulungern und Ataya zu kochen. Nicht mal guten Gewissens eine Familie gründen könnten, da sie nicht imstande wären, diese zu ernähren.

Schaut man auf aktuelle Krisenherde wie in Nigeria oder Syrien wird man nicht darum herumkommen die Perspektivlosigkeit junger Männer als einen der Hauptgründe für die Krisen zu benennen. Wer keine Aussichten hat die eigenen Lebensträume verwirklichen zu können bzw. nicht einmal das Träumen gelernt, der hört auf einer Sinnsuche gerne die heroischen Ausmalungen skrupelloser Seelenfänger an, die vorgaukeln Wege in eine strahlendere Zukunft zu kennen. Einfache Lösungen, die einen davon befreien sich der Realität auch in ihrer Brutalität zu stellen, all die Widersprüche des Daseins anzunehmen vielleicht gar wertschätzen zu lernen und sich selber als hochkomplexes, eigenes Wesen zu begreifen, haben eine gefährliche Anziehungskraft auf uns Menschen.

Glücklicherweise herrscht im kleinen Gambia ein großer Friedenswille, was vor allem bei der Vielzahl der verschiedenen Ethnien bemerkswert ist. Mandinka, Wolof, Fulla, Jollah, Serahuli oder Serer um nur ein paar zu benennen, leben friedlich nebeneinander. Allein in meiner Klasse versammeln sich sechs verschiedene tribes. Und doch fragt man sich manchmal, wie lange noch ein Jeder auf der Straße einem Bob Marley-Songtexte rezitieren, wann die Frustrationsgrenze überschritten sein wird. Nicht nur, dass Arbeitsplätze rar gesäht sind, allein eine gute Ausbildung zu bekommen ist Vielen verwehrt.

Angefangen dabei Bücher und Uniform, ohne die man von der Schule sonst gleich wieder nach Hause geschickt wird, zu erstehen über taxes für die Oberstufe (die hoffentlich bald abgeschafft werden) bishin dazu teure colleges und skill centers, wo man für jedes Zertifikat ordentlich blättern muss, zu besuchen, ist für viele Gambianer illusionär. Geschweige denn aussichtsreicher im Ausland zu studieren.
Es mangelt an Möglichkeiten zur Arbeit, zur Ausbildung und selbst zur Freizeitgestaltung. Bei uns wissen verzweifelte Mütter nicht mehr, ob sie ihr Kind zuerst zum Ballet schicken oder doch lieber beim Zeichenkurs anmelden sollen. Und was ist mit Kochen, Kampfsport, Klettern, Schach, Debattierklubs, Entspannungsmethoden erlernen oder Klavier- und Geigenunterricht?! Wer sich mit alldem nicht anfreunden kann, kann immer noch ins Kino oder shoppen gehen.

Hier ist das ganz anders. Eine interessante Freizeitgestaltung verlangt ganz anderes Engament, Eigenregie. Und Vorsicht. Bloß nicht pölitisch, nicht zu progressiv, zu indvidualistisch sein. Bloß nicht Anstoß erregen. Da fällt es natürlich oft leichter in Lethargie zu verfallen oder sich an Drogen zu berauschen, ein weiteres erhebliches Problem unter jungen Männern.
Deshalb ist es so toll, was z. B. die Volnet-Mitglieder machen. Sich freiwillig alle paar Monate wieder um ein paar blauäugige Tubabs zu bemühen, sich auszutauschen, Beziehungen zueinander und gemeinsam etwas aufzubauen. Benna Kunda immer wieder mit Leben zu erfüllen und zum Glänzen zu bringen. Oder auch toll ist, was die movie group macht, die Plastiksammelgruppe, meine Nachbarn im Kinder-Inklusionsprojekt oder, oder, oder.. Es gibt so viele tolle Ideen und tolle Menschen. Manchmal geht es nur darum, die Augen aufzuhalten und sich zu verbinden. Dieses Wort „gemeinsam – together“ das klingt mir, seitdem ich hier bin, immer in den Ohren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s